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Die Auserwählte.

Das erste Kapitel, aufs Haus.
Die Erben von Pendragon · Buch 1
Kapitel · I

Die Schatten des Kessels

— Arthéa —

Die letzte Whiskyflasche landet mit einem dumpfen Knall wieder auf dem Regal. Die darauf folgende Stille hallt seltsam im Schankraum des Kessels wider, als hielte der Pub selbst den Atem an.

Ich wische mit einem feuchten Lappen über die Holztheke, die von jahrelang aufgestützten Ellbogen und abgestellten Gläsern poliert ist. Die Oberfläche spiegelt den bernsteinfarbenen Schein der Wandlaternen wider und erschafft Lichtinseln, die gegen die wachsende Dunkelheit ankämpfen. Noch vor einer Stunde bebten diese Wände unter dem Gelächter und den Gesprächen von Gästen, die nie die in die Deckenbalken geschnitzten Schuppen bemerkten. Jetzt wirken die Schatten beinahe lebendig und beobachten mich mit einer Aufmerksamkeit, die mich frösteln lässt. Ein Schatten huscht durch meinen Augenwinkel. Ich wirble herum. Nichts.

»Reiß dich zusammen, Arthéa.«

Meine Stimme verhallt in dem leeren Raum. Der Pub strahlt nach einem geschäftigen Abend immer noch diese Restwärme aus, diesen vertrauten Geruch von verschüttetem Bier, gewachstem Holz und angeregten Unterhaltungen. Mein Königreich. Mein Erbe. Das Einzige, was Papa mir hinterlassen hat, zusammen mit den Rechnungen und diesem seltsamen Gefühl, das mich nie ganz verlässt.

Ein Knacken kommt von oben, von dort, wo niemand sein sollte. Meine Finger krallen sich in die Theke.

»Nur das Holz, das arbeitet«, wie Papa immer sagte.

Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Nach achtundzwanzig Jahren in diesem Gebäude kenne ich jedes Stöhnen der Balken, jeden Seufzer der Steinmauern. Dieses Geräusch gehört nicht zum üblichen Repertoire. Wie schon in den drei Nächten zuvor.

Der Spiegel hinter der Bar fängt mein Spiegelbild ein — kastanienbraunes Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, dunkle Ringe unter den grünen Augen, ein angespannter Ausdruck, den ich als Müdigkeit auszugeben versuche. Für den Bruchteil einer Sekunde zeichnet sich eine dunkle Gestalt hinter mir ab. Ich fahre herum, mein Herz pocht. Wieder nichts.

Das Klirren der Gläser, die ich wegräume, durchbricht die Stille. Jedes Geräusch scheint verstärkt, als hätte sich die Akustik des Pubs verändert. Trotz der anhaltenden Wärme fröstelt es mich. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wird stärker, kribbelt in meinem Nacken, sickert unter meine Haut.

Das Drachenschild schlägt leise gegen die Fassade. Der Wind hat aufgefrischt. Ich trete ans Fenster und betrachte die gepflasterte Straße von Vieux-Montréal, die in Dunkelheit getaucht ist. Die Straßenlaternen werfen gelbliche Lichtkegel auf die feuchten Steine. Der Regen hat aufgehört und einen leichten Nebel hinterlassen, der zwischen den historischen Gebäuden kriecht.

»Nur ein ganz normaler Abend im Kessel.«

Die Worte klingen sogar in meinen eigenen Ohren falsch. Nichts ist heute Abend gewöhnlich. Die Luft vibriert von einer Spannung, die ich nicht benennen kann, wie die Elektrizität vor einem Gewitter.

Ich bleibe vor dem »Tisch der Legenden« stehen und streiche zerstreut über die abgenutzten Schnitzereien im Holz. Generationen von Geschichten wurden hier erzählt, manche wahrer, als ihre Erzähler es ahnten. Papa saß immer an diesem Platz, sein Glas Met in Reichweite, und beobachtete die Kundschaft mit diesem durchdringenden Blick, der hinter die Fassaden zu sehen schien.

»Legenden sind oft Wahrheiten, die sich direkt vor unseren Augen verbergen«, pflegte er zu sagen.

Ich sehe immer noch seinen Blick vor mir, als ich ihn fragte, warum er den Pub »Der Kessel des Magischen Drachen« genannt hatte. Er hatte mich lange angesehen, bevor er antwortete:

»Weil an manche Dinge erinnert werden muss, selbst wenn sie vergessen sind.«

Ein kalter Luftzug streicht über meine Wange. Unmöglich. Alle Fenster sind geschlossen.

Die Laternen flackern und werfen tanzende Schatten an die Steinwände. Einer von ihnen dehnt sich aus, nimmt eine Form an, die zu keinem Gegenstand im Raum passt. Mein Herz beginnt zu rasen. Ich weiche einen Schritt zurück und stoße gegen einen Stuhl.

Das dumpfe Geräusch hallt wie ein Donnerschlag in der Stille wider.


Der Lärm des Stuhls klingt noch in meinen Ohren nach, als die Glocke über der Tür leise bimmelt — ohne dass sich die Tür bewegt hätte. Dann fliegt sie plötzlich ohne Vorwarnung auf. Ein eisiger Luftzug fegt in den Raum und lässt die Flammen der Laternen noch stärker flackern. Ich erstarre, den feuchten Lappen fest in meinen Fingern umklammert.

Ein Mann steht im Türrahmen. Groß, schlank, in einen dunklen Mantel gekleidet, der das Licht eher zu verschlucken als zu reflektieren scheint. Ich habe ihn nicht kommen hören. Keine Schritte auf dem feuchten Pflaster, kein Klacken des Türgriffs. Als wäre er direkt vor der Tür erschienen.

»Wir haben geschlossen.«

Meine Stimme klingt fester, als ich erwartet hatte. Der Mann neigt leicht den Kopf, ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielt seine schmalen Lippen. Er macht einen Schritt, dann noch einen. Die Tür schließt sich hinter ihm, ohne dass er sie berührt.

»Mademoiselle Dravencour. Welch ein Vergnügen, Sie endlich kennenzulernen!«

Seine Stimme durchfährt mich wie eine Eisklinge. Zu melodiös, zu geschmeidig, um natürlich zu sein. Sie trägt das Echo einer anderen Zeit, eines anderen Ortes in sich, als hätte jede Silbe Jahrhunderte durchquert, bevor sie meine Ohren erreichte.

»Woher kennen Sie meinen Namen?«

Er nähert sich der Theke. Das Licht der Laternen streicht endlich über sein Gesicht und enthüllt Züge von fast schmerzhafter Schönheit — zu perfekt, zu symmetrisch. Aber es sind seine Augen, die mich an Ort und Stelle fesseln. Silbern. Nicht grau, nicht hellblau. Silbern wie flüssiges Metall, mit einem eigenen Leuchten, das von innen zu kommen scheint.

»Ich kannte Ihren Vater.«

Mein Magen zieht sich zusammen. Eine Welle von Kribbeln läuft mir den Rücken hinauf, als er sich an die Bar setzt, weniger als einen Meter von mir entfernt. Die Luft um ihn herum scheint zu vibrieren und erzeugt eine subtile Verzerrung, wie die Hitze, die im Sommer vom Asphalt aufsteigt.

»Was wollen Sie?«

Ich lege den Lappen weg und nehme meine professionelle Barkeeper-Haltung ein. Gerade Schultern, erhobenes Kinn, neutraler Gesichtsausdruck. Dieselbe, die ich bei aufdringlichen Betrunkenen und allzu zudringlichen Anmachern anwende. Die Fassade, die ich über die Jahre perfektioniert habe, um mit schwierigen Kunden umzugehen. Aber meine Finger zittern leicht auf dem Holz des Tresens.

»Ein Glas, für den Anfang. Haben Sie noch diese besondere Flasche Met, die Malcolm unter dem Tresen aufbewahrte?«

Mein Blut gefriert in meinen Adern. Diese Flasche. Die, die Papa nur bestimmten Kunden ausschenkte; denen, die beim Eintreten seltsame Worte murmelten und ihm manchmal für lange Gespräche mit gedämpfter Stimme ins Hinterzimmer folgten.

»Woher können Sie das wissen…?«

Ohne nachzudenken, bücke ich mich, hebe die unauffällige Diele an und ziehe die Flasche mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit hervor. Sie scheint heute Abend schwerer zu sein, fast vibrierend zwischen meinen Händen.

»Wer sind Sie wirklich?«

Seine silbernen Augen durchbohren mich, scheinen bis auf den Grund meiner Seele zu forschen. Sein Blick verweilt auf meiner rechten Schläfe, wandert dann zu meiner Schulter hinab, als könnte er durch meine Kleidung hindurch die Tätowierung sehen, die ich verborgen halte.

»Jemand, der darauf gewartet hat, dass Sie erwachen, Arthéa Pendragon.«

Ich zucke bei diesem unbekannten Namen zusammen. Ein stechender Schmerz schießt durch meine rechte Schulter, dorthin, wo sich seit meiner Geburt das Muttermal ausbreitet, das an einen seltsamen Drachen erinnert — jenes, das ich auf Papas Geheiß immer verstecken sollte. Ich wende mich für eine Sekunde ab, um ein Glas zu greifen, verstört von dem, was er gerade gesagt hat.

Als ich mich umdrehe, ist er verschwunden.

Das Glas entgleitet mir und zerbricht auf dem Boden. Der Met bleibt in der Flasche, unberührt. Die Tür des Pubs ist immer noch geschlossen. Keine Spur von seinem Besuch, außer diesem anhaltenden Kribbeln auf meiner Haut und einem Wort, das in meinem Kopf nachhallt.

Pendragon.


Ich stehe mehrere Minuten nach dem Verschwinden des Mannes wie erstarrt da, die Flasche Met wie einen Schild an meine Brust gepresst. Das Geräusch des zerbrochenen Glases zu meinen Füßen holt mich brutal in die Realität zurück.

»Scheiße.«

Ich hocke mich hin, um mit zitternden Händen die Scherben aufzusammeln. Pendragon. Dieser Name hallt in meinem Kopf wider wie ein fernes Echo, vertraut und fremd zugleich.

Das letzte Mal, dass mich jemand anders als Dravencour nannte, war in der Schule, als ein Lehrer meinen Namen falsch ausgesprochen hatte. Niemals Pendragon. Niemals.

Ich werfe die Glassplitter in den Mülleimer und mache schnell sauber. Der Met wandert zurück unter seine geheime Diele. Ich will nur noch nach oben in meine Wohnung, weg von diesem Abend, der aus dem Ruder läuft.

Als ich an dem Platz vorbeigehe, an dem der Fremde saß, zieht etwas meinen Blick auf sich. Ein metallisches Glänzen auf dem dunklen Holztresen. Ich nähere mich misstrauisch.

Eine Münze. Alt. Viel mehr als nur alt.

Ich nehme sie zwischen die Finger. Das Metall ist unnatürlich warm, als hätte es stundenlang die Wärme eines Körpers aufgesogen. Auf der einen Seite ein zusammengerollter Drache mit aufgerissenem Maul. Auf der anderen ein Schwert, das eine Krone durchstößt.

Ein leises Summen geht von dem Gegenstand aus — eine kaum wahrnehmbare Schwingung, die meine Finger, mein Handgelenk, meinen Arm hinaufkriecht.

»Was zum Teufel ist das für ein Ding?«

Das Bild des Drachen durchbohrt mich mit einer schmerzhaften Vertrautheit. Papa hatte ein ähnliches Medaillon, das er immer unter seinen Hemden trug. Als Kind hatte ich ihn einmal dabei überrascht, wie er es am Kamin betrachtete. Er hatte es schnell versteckt, aber nicht, bevor ich den eingravierten Drachen gesehen hatte.

»Das ist nur ein Glücksbringer, meine Kleine. Nichts Wichtiges.«

Eine Lüge. Ich wusste es damals genauso wie heute.

Die Münze pulsiert gegen meine Handfläche, ihr Metall wird noch wärmer. Ich drehe und wende sie, trotz meiner selbst fasziniert von den winzigen Details des Drachen. Seine Schuppen scheinen sich im flackernden Licht der Laternen zu bewegen, als ob die Kreatur atmete.

Ich bleibe vor dem großen viktorianischen Spiegel stehen, der die Wand hinter der Bar ziert. Mein Spiegelbild starrt mich an, blass und aufgewühlt. Dann, in einem Sekundenbruchteil, ändert sich alles.

Es bin nicht mehr ganz ich, die ich sehe. Die Frau im Spiegel trägt eine leichte Rüstung mit silbernen Reflexen. Ihre Haare sind zu einer komplexen Frisur geflochten, die mit Metallfäden durchwirkt ist. Und in ihrer Hand ein Schwert, dessen Griff seltsamerweise dem Drachen auf der Münze ähnelt. Aber am beunruhigendsten ist ihr Blick — meine Augen, aber erfüllt von einer Entschlossenheit, die ich nie gekannt habe, als ob sie über den Spiegel hinaus, über die Zeit selbst hinausblicken würde.

Ich weiche entsetzt einen Schritt zurück. Mein Spiegelbild tut dasselbe und wird augenblicklich wieder zur erschöpften Barkeeperin mit weit aufgerissenen Augen.

Die Münze fällt mir aus den zitternden Fingern und schlägt mit einem Klirren auf den Boden, das in der Stille des Pubs viel zu laut widerhallt. Ich hebe sie hastig auf und umklammere sie mit der Faust, bis sich ihre Kanten in mein Fleisch drücken.

»Das ist nicht real. Nichts von all dem ist real.«

Aber das Gewicht der Münze in meiner Hand, ihre Wärme auf meiner Haut, das Summen, das mit jeder Sekunde stärker wird… all das ist schrecklich, unbestreitbar real.


Ich schiebe die Münze in meine Jeanstasche und gehe zur Holztreppe, die zu meiner Wohnung führt. Jede Stufe knarrt unter meinen Schritten, aber heute Abend klingen die Geräusche anders. Tiefer. Als würde die Treppe selbst flüstern.

»Das ist nur die Müdigkeit.«

Meine Stimme hallt seltsam im Treppenhaus wider. Die Luft wird dicker, je höher ich steige, wird fast greifbar. Ich halte auf halbem Weg an, die Hand um das Geländer gekrallt. Etwas folgt mir. Keine Schritte, nein. Eher eine Präsenz, die in meinem Kielwasser gleitet, wie ein Schatten, der sich von seinem Besitzer gelöst hat.

Ich wirbele herum. Das untere Ende der Treppe ist leer, in das gedämpfte Licht des Pubs getaucht. Dennoch bleibt der Eindruck bestehen — unsichtbare Augen mustern mich, analysieren jede meiner Bewegungen.

Die Münze in meiner Tasche pulsiert gegen meinen Oberschenkel, ihr Rhythmus synchronisiert sich mit meinem unregelmäßigen Herzschlag. Ich setze meinen Aufstieg fort, diesmal schneller. Der Treppenabsatz empfängt mich mit einem eiskalten Luftzug, für den es keinen Grund gibt.

Ich stecke meinen Schlüssel ins Schloss. Er lässt sich nur mit einem ungewöhnlichen Widerstand drehen, als würde ihn jemand von der anderen Seite festhalten. Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter.

Die Tür öffnet sich endlich. Meine Wohnung erscheint mir, vertraut und fremd zugleich. Die Lampen, die ich heute Morgen ausgeschaltet hatte, leuchten sanft. Das Fenster, das ich geschlossen hatte, steht einen Spalt offen und die Vorhänge tanzen in der nächtlichen Brise.

»Ist da jemand?«

Stille. Aber nicht die gewöhnliche Stille einer leeren Wohnung. Diese hier vibriert vor Erwartung, als würde die Luft selbst den Atem anhalten.

Ich gehe ins Wohnzimmer, all meine Sinne geschärft. Auf dem Couchtisch zieht ein gerahmtes Foto meine Aufmerksamkeit auf sich. Mein Vater, Malcolm, vor dem Pub am Tag seiner Eröffnung. Ich habe es nie aus der Erinnerungskiste geholt, die ganz hinten in meinem Schrank verstaut ist.

Meine Finger streifen über den Rahmen. Das Déjà-vu-Gefühl überwältigt mich. Auf dem Foto trägt Papa sein Drachenmedaillon, das über seinem aufgeknöpften Hemd zu sehen ist. Er blickt mit beunruhigender Intensität ins Objektiv, als würde er durch die Zeit hindurch direkt zu mir schauen.

Ein leises Murmeln erhebt sich hinter mir. Ich wirble mit pochendem Herzen herum. Niemand. Doch die Melodie hält an, alt und vertraut, obwohl ich sicher bin, sie noch nie gehört zu haben. Sie scheint den Wänden selbst zu entströmen, mehr eine Schwingung als ein wirklicher Ton.

Auf meinem Schreibtisch liegt ein aufgeschlagenes Buch. Misstrauisch nähere ich mich. Die Artus-Sagen. Ein Werk, das ich nie gekauft habe. Die Seiten rascheln leicht, wie von unsichtbaren Fingern gestreichelt, bevor sie bei einer Illustration eines Schwertes, das in einem Stein steckt, zur Ruhe kommen.

»Jetzt reicht's!«

Meine Stimme peitscht durch die Wohnung, geladen mit Wut und Angst. Die Lichter flackern als Antwort. Die Schatten in den Ecken scheinen sich zu dehnen, Form anzunehmen und sich dann wieder aufzulösen, bevor ich sie klar erkennen kann.

Die Münze in meiner Tasche wird glühend heiß. Ich ziehe sie mit einer ruckartigen Bewegung heraus und halte sie vor mich. Der eingravierte Drache leuchtet nun in einem rötlichen Glanz, als würde geschmolzenes Metall durch seine metallischen Adern fließen.

Ein dumpfer Schlag ertönt hinter der Tür zu Papas Zimmer, die ich seit seinem Tod nicht mehr geöffnet habe. Als wäre etwas Schweres hingefallen. Oder aufgewacht.


Ich starre auf die Tür zu Papas Zimmer, mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb. Meine Finger krallen sich um die brennende Münze. Ein Teil von mir will aus der Wohnung fliehen, die Treppe hinunterstürzen und durch die Straßen der Altstadt von Montreal rennen, bis meine Lungen platzen. Der andere Teil, der schon immer nach Antworten gesucht hat, fesselt mich an den Boden.

Ein neues Geräusch hallt hinter der Tür wider. Diesmal leiser, wie ein Gegenstand, der über den Dielenboden gleitet.

Wie hypnotisiert durchquere ich langsam das Wohnzimmer. Die Drachenmünze pulsiert im Takt meines unregelmäßigen Pulses gegen meine Handfläche. Ich nähere mich mit zitternder Hand der Klinke. Das Metall fühlt sich eiskalt an meinen feuchten Fingern an.

Die Tür öffnet sich ohne Widerstand.

Das Zimmer ist genau so, wie Papa es hinterlassen hat. Das Bett makellos gemacht, der Schreibtisch aufgeräumt, die Bücher ordentlich im Regal aufgereiht. Nichts hat sich bewegt. Außer…

Ein kleines Holzkästchen steht in der Mitte des Dielenbodens. Ich habe es noch nie zuvor gesehen. Sein geschnitzter Deckel zeigt einen Drachen, identisch mit dem auf der Münze und dem Medaillon meines Vaters. Mit zugeschnürter Kehle knie ich davor nieder.

Das Kästchen öffnet sich ohne Schlüssel, als hätte es auf mich gewartet. Darin, auf einem Kissen aus rotem Samt, liegt Papas Medaillon. Das, was er immer getragen hat. Das, was mit ihm hätte begraben werden sollen.

Ehrfürchtig ergreife ich es. Das Metall ist warm, vibriert mit einer eigenen Energie. Der eingravierte Drache scheint mich mit winzigen, aber erschreckend lebendigen Augen anzustarren.

»Wie bist du hierhergekommen?«

Das Medaillon bleibt stumm, aber seine Wärme wird stärker. Ich schließe es in meiner Faust, schließe die Augen. Eine Welle der Ruhe überkommt mich plötzlich und besänftigt das Chaos meiner Gedanken. Die seltsamen Geräusche hören auf. Die Schatten ziehen sich zurück. Sogar die Münze in meiner Tasche kühlt allmählich ab.

Ein flüchtiges Bild schießt mir durch den Kopf — ein riesiger Mann mit dunkler Haut, rasiertem Schädel und gepflegtem Bart, der mich mit einer fast tierischen Intensität in den Augen ansieht. Er nickt kaum merklich, als würde er diesen Moment gutheißen, und verschwindet dann aus meinem Bewusstsein.

Ich stehe auf, das Medaillon immer noch fest in der Hand. Ich durchquere die Wohnung bis zum Fenster, das auf die Straße blickt. Die Altstadt von Montreal schläft unter einem sternenklaren Himmel, friedlich und gewöhnlich. Das Kopfsteinpflaster glänzt sanft unter den Straßenlaternen. Eine einsame Katze überquert die verlassene Straße.

»Bleib wachsam, Kleine. Die Welt ist nicht immer das, was sie zu sein scheint.«

Papas Worte entgleiten meinen Lippen wie ein Gebet. Wie oft hat er sie mir wiederholt? Ich hielt sie für die schützenden Ratschläge eines besorgten Vaters. Jetzt klingen sie wie eine Warnung.

Ich lasse das Medaillon neben der mysteriösen Münze in meine Tasche gleiten. Ich werde es nicht tragen. Noch nicht. Aber ich kann nicht länger leugnen, dass etwas Außergewöhnliches geschieht.

Plötzlich hebt sich eine Gestalt auf der Straße unten ab. Der Mann mit den silbernen Augen steht reglos unter einer Straßenlaterne, sein Blick zu meinem Fenster erhoben. Als er mich sieht, neigt er leicht den Kopf und verschwindet dann in den Schatten.

Die Stille, die sich nun ausbreitet, ist anders. Mehr als eine Leere, mehr als nur Stille. Als hielte die ganze Welt den Atem an und wartete darauf, dass ich meinen nächsten Zug mache.

Ich bleibe am Fenster stehen und betrachte die schlafende Stadt. Zum ersten Mal seit Papas Tod fühle ich mich seltsam ruhig. Was auch immer dieser Wahnsinn ist, was auch immer »Pendragon« bedeutet, ich werde mich ihm stellen. Denn das ist es, was Malcolm tun würde.

Mein Spiegelbild in der Scheibe zeigt mir mein Gesicht, doch für einen flüchtigen Moment leuchtet ein silberner Schimmer in meinen Augen.

Ende von Kapitel Eins
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Der erste Band einer fesselnden Serie, in der die arthurische Legende in den dunklen Straßen des modernen Montréal wiedergeboren wird.

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